Kilian Muster, podkost.com
Einige Podcasts beleuchten das ganz normale Leben. Andere Podcasts konzentrieren sich auf außergewöhnliche Themen. Kilian Muster schafft mit seinem Podcast beides: hier geht’s um das ganz normale Leben in einem außergewöhnlichen Umfeld: das Leben in Japan nämlich. trnd sprach mit Kilian über Podcasting, iPods und einen Speisewagen voller Japaner.
Kilian Muster, Jahrgang 1971, stammt aus dem südwestlichsten Teil Deutschlands (Markgräflerland), lebt und arbeitet seit 10 Jahren als Designer/Creative Director in Tokyo und podcastet auf www.podkost.comWas hat Dich nach Japan verschlagen?
Als Zivi habe ich im Altersheim gearbeitet, und dabei sind meine Gehirnzellen vollkommen brach gelegen. So kam ich auf die Idee, nochmal eine Sprache zu lernen. Aber dieses Mal musste es etwas ganz was anderes sein. Kein lateinisches Alphabet, sondern was richtig abgefahrenes. Und weil ich zu dieser Zeit auch die Serie Shogun gesehen habe und ganz toll fand*, entschied ich mich für Japanisch. Das hat mich dann völlig gepackt – ich bin nur noch mit dem Japanisch-Wörterbuch rumgelaufen und wollte dann natürlich auch unbedingt mal nach Japan.
Meine später gewonnenen japanischen Sprach- und Kulturkenntnisse lehrten mich, dass „Shogun“ von James Clavell gespickt ist mit stereotypen Vorurteilen über Japan und vollgestopft mit faktischen Fehlern was die japanische Geschichte und Kultur betrifft – also bitte mit Vorsicht genießen.
Und wie hast Du den Schritt dann geschafft?
Ich bin ja gelernter Typograph, in Deutschland heißt das Schriftsetzer. Und schon während der Ausbildungszeit wollte ich unbedingt nach Japan und dort eine Zeit lang arbeiten. Ich bin dann mal auf die DRUPA, die weltweit größte Messe für Printmedien nach Düsseldorf gefahren. Dort sind ja auch immer viele japanische Firmen. Auf der Messe haben sich irgendwie keine Kontakte ergeben, auf der Heimfahrt im Zug aber habe ich im Speisewagen eine ganze Menge Japaner getroffen - alles Chefs von Druckfirmen und höhere Tiere von BASF Japan und so weiter. Mit denen hab ich dann ein bisschen japanisch geredet. Und siehe da: einer der Japaner suchte gerade jemanden, der Ahnung von Typographie, DTP- und Mac-Systemen hat. So habe ich einen Job in Japan bekommen. Da war viel Glück dabei. Bin wohl zur rechten Zeit am rechten Ort gewesen (lacht).
Du lebst mittlerweile in Tokyo?
Anfangs war ich ein Jahr in Osaka, dann bin ich nach Tokyo gezogen. In Tokyo sind die Leute etwas direkter und offener, das gefällt mir besser. Ausserdem kommt meine Frau aus Tokyo und sie wollte auch wieder zurück.
Die Comics, die man auf deinem Blog bewundern kann, zeichnest Du nebenbei?
Ich habe schon immer Comics gezeichnet. Auf dem Gymnasium habe ich eigene Comic-Hefte für 50 Pfennig das Stück verkauft. Und eigentlich wollte ich auch immer Comic-Zeichner werden. Aber damit kann man in Deutschland leider kein Geld mehr verdienen. Also bleibt es für mich ein Hobby und macht Spass.

Wann hast Du das Thema Podcasting entdeckt?
Das war ganz banal, und wie bei vielen anderen auch: Ich hatte viel von Podcasting gehört, aber keine Ahnung, was das eigentlich sein sollte. Dann kam iTunes 4.9 raus, man konnte damit zum ersten Mal auch Podcasts verwalten und da habe ich entdeckt, was Podcasting eigentlich ist. Meine ersten Podcasts waren natürlich – ach wie originell! – Adam Curry’s „Daily Source Code“ und natürlich Annik Rubens „Schlaflos in München“. Und weil ich schon in meiner Kindheit zusammen mit meinem Bruder Radiosendungen selbst aufgenommen habe, dachte ich mir: Podcasting muss ich unbedingt selbst mal ausprobieren.
Da hat sich das Thema Japan natürlich angeboten …
Ja, klar. Ich habe überlegt, um was es in meinem Podcast gehen soll und habe gesehen, dass es wenig Deutsches gab. Die Japan-Podcasts wurden alle von Amerikanern gemacht – natürlich auf englisch. So hatte ich die Marktlücke gefunden und einfach mal angefangen um zu sehen, ob das überhaupt ankommt. Anfangs hatte ich ein ganz schlechtes Mikrofon ausgeliehen. Ohne Vorverstärker! Das Signal musste ich dabei so weit hochdrehen, dass extrem viel Rauschen auf der Aufnahme war. Meine ersten beiden Podcast waren grauenhaft! Danach hab ich mir ein Headset gekauft und damit geht es jetzt ganz gut.
Welches Equipment verwendest Du denn?
Ich benutze ein Apple Powerbook mit Garage Band drauf. Eigentlich ist das ja eine Software zum Musikmachen, in der neuen neuen Version gibt es aber auch spezielle Funktionen zum Podcasten. Das praktische dabei ist, dass man damit viele Echtzeiteffekte machen kann – man hört seine eigene Stimme sofort mit allen Effekten und so.
1. Annik Rubens: Schlaflos in München.
Habe ich jetzt ein halbes Jahr nicht mehr gehört, höre ich in letzter Zeit aber wieder und finde ich auch wieder ganz interessant.
2. Adam Curry: Daily Sourcecode.
Höre ich immer noch viel, wobei mich sein pseudohistorisches Gelaber in letzter Zeit ein wenig nervt. Er hat einfach keine Ahnung von Politik – das ist schlimm!
3. Pacificcoast Hellway.
Mein Top-Liebling momentan. Ein sehr vulgärer Podcast: laut, obszön, profan, oft zum Totlachen und manchmal sogar richtig tiefsinnig.
4. Ohrzucker.
Höre ich sehr gerne. Sehr interessanter Themenpodcast.
5. Ein Kontrabass spielt selten allein.
Ein ehemaliger Bassist der Berliner Philharmoniker erzählt hier seine Lebensgeschichte. Spannend.
6. Nature Podcast.
Der Podcast des Magazins Nature über Naturwissenschaften. Interessant, obwohl ich als Designer oft nur die Hälfte verstehe (lacht).
Wie verbreitet ist denn das Thema Podcasting in Japan?
Die iPod Verbreitung ist hier noch größer als in Deutschland. Generell ist der Apple-Anteil in Japan sehr hoch. Es dürften so ca. 10% sein. Damit ist Japan der zweitgrößte Mac-Markt nach den USA. Gemessen an der Bevölkerungszahl Japans ist das schon sehr erstaunlich. Podcasting ist allerdings in der Allgemeinheit noch nicht so bekannt. Es gibt zwar relativ viele Podcasts, das meiste dabei ist allerdings Mainstream, also Radiosendungen, die auch als Podcast veröffentlicht werden. Das ist natürlich ziemlich uninteressant und am Sinn der Sache vorbei. Dann könnte man ja auch gleich Radio hören (lacht).
Es gibt ein paar private Podcasts, wobei ich auch da teilweise nicht sicher bin, ob nicht doch kommerzielle Kontakte dahinter stecken. Ich hab mal zwei japanische Podcaster interviewt und dann herausgefunden, dass sie eigentlich professionelle Sprecher sind und ihre Podcasts scheinbar nur deshalb machen, um ein Internetportal zu promoten. Insofern sehe ich keine richtige Podcasting-Szene. Es scheint alles noch ein sehr einseitiges Konsumding wie beim Radio oder Fernsehen zu sein: auf der einen Seite steht der Podcaster, auf der anderen Seite steht der Hörer. Eine Interaktion zwischen Zuhörer und Produzierendem, also z.B. haufenweise Audio-Feedback, gibt es hier kaum.
Wie sieht es in Japan mit Video-Podcast aus?
Ich weiß gar nicht, wie hoch der Video-iPod Anteil in Japan ist. Man sieht zwar überall die weißen iPod Kopfhörer, aber dass die Leute Video gucken, habe ich noch selten gesehen. In Japan wird meist sehr viel beim Pendeln gehört, denn die Japaner pendeln extrem viel und lange. In Tokyo sind zwei Stunden Pendelzeit zur Arbeit und wieder zwei Stunden zurück normal. Ich fahre eine Stunde – das ist schon relativ kurz. So haben die Japaner viel Zeit, um Podcasts zu hören.
Ein weiteres positives Kriterium ist die gute Infrastruktur in Japan. Broadband ist hier extrem verbreitet. In Tokyo bekommt man für 5.000 Yen im Monat, das sind ca. 36 Euro, eine 100-MBit Fiberglasleitung mit Flatrate. Ideale Voraussetzungen für Podcasting also.
Wie viele Hörer hast Du denn zur Zeit?
Ich kann das nur aufgrund meiner Downloads schätzen. Viele hören nicht regelmäßig, weil sie nicht immer Zeit haben und weil ich ja nur einmal pro Woche live bin. Momentan dürften es so ca. 1.600 Stammhörer sein. Das ging alles ziemlich schnell. Angefangen habe ich mit 70 Hörern. Als es dann 200 waren, dachte ich schon: wow! Und es hat sich immer verdoppelt und verdoppelt, das freut mich sehr!

Hast Du schon mal daran gedacht, Podcasting zu Deinem Job zu machen? Auf Deiner Website habe ich nicht mal Google AdWords gesehen …
Naja, ich hab ja einen Job hier. Podcasting als Job zu machen, wäre natürlich schon cool, nur der Umstieg ist schwierig. In Japan macht man nämlich sehr viele Überstunden. Momentan bin ich deshalb schon froh, wenn ich einen Podcast pro Woche schaffe. Sobald ich damit Kohle machen wollte, müßte ich garantieren, dass ich mindestens einmal pro Woche, oder sogar öfters sende und das ist – neben dem regulären Job – ein Problem. Und einen Fulltime-Job als Podcaster wird man zur Zeit nicht so einfach finden.
Und zu Google AdWords: Könnte man natürlich machen, aber ich mag dieses Google-Zeug nicht, das ist für mich als Typograph einfach zu hässlich. Für die wenige Kohle, die es dafür gibt, möchte ich meine Site nicht verunstalten (lacht).
Wie siehst Du die Zukunft des Podcastings?
Ich sehe grundsätzlich drei Möglichkeiten: die unwahrscheinlichste ist die, dass Podcasting nur ein kurzer Boom ist, in der Versenkung verschwindet bis irgendwann nicht mehr viel davon übrig ist. Das glaube ich aber nicht. Da müßte man schon sehr viel falsch machen.
Die zweite Möglichkeit – das wäre die ganz optimistische, so wie es Adam Curry immer herumposaunt – dass Podcasting die komplette Musikindustrie mitumkrempelt und über Podsafe-Music auch die große Musikmafia entmachtet. Sehr interessantes Szenario. Aber ich glaube nicht, dass es ganz so weit kommt.
Ich denke, es wird einen Mittelweg geben: Podcasting wird ein wichtiges Medium werden – auch für viele Firmen, die ja inzwischen auch schon podcasten. In Amerika ist der Boom ja fast schon auf einem Maximum. Das wird sicher wieder ein bißchen zurückgehen. In Europa kommt das alles erst noch, allein wegen der Infrastruktur. Aber ich denke, Podcasting hat eine rosige Zukunft. Es wird sicher Podcasts geben, die von Firmen gemacht werden, sicher auch einige Podcaster, die das irgendwann professionell machen können – nur die müßten dann wahrscheinlich mehrere Podcasts machen, um davon leben zu können. Der Vorteil der USA ist, dass es einfach viel mehr Leute gibt, die man mit einem englischsprachigen Podcast erreichen kann.
Vielen Dank für das Interview!

von BigT
So, jetzt habe ich es auch endlich geschafft in den Podcast reinzugehören, und ich muss sagen: Sehr interessant und schon abonniert
von SpeedyNet
Durch Zufall habe ich heute diesen Beitrag gefunden. Diesen Podcast höre ich schon seit Ewigkeiten und als einen der ganz wenigen auch regelmäßig. Ist nur weiter zu empfehlen.
Trackback von Wikipedia, Relevanz und Inkompetenz
[...] Podkost war Relevant genug, dass trnd Blog mich interviewt hat, es war auch relevant genug für den SWR, dass sie meinen Podcast in der Computerecke der Serie [...]