Nicole Stich und Oliver Seidel, delicious:days.

Dass Blogs von schnell wechselnden Artikeln leben und die Hektik des Alltags möglichst ungefiltert wiedergeben müssen, stimmt nicht. Den besten Beweis liefern Nicky und Oliver von delicious:days aus Haidhausen (München), die zwar nicht besonders oft, dafür aber qualitativ hochwertige Kocherlebnisse zum Besten geben.

Abgesehen von der 1a-Optik, der tollen Food-Fotografie (es geht auch mit einfachen Mitteln!) gefällt mir besonders, dass das Blogformat sehr lebensnah ist. Man kann Erfolge, und nicht zu vernachässigen, Misserfolge hautnah miterleben. Gerade letzteres findet sich in keinem Kochbuch und doch gehört es zum Küchenalltag.

Und so ist um die beiden herum eine lebendige, weltweite Community von Menschen entstanden, die die Kochleidenschaft – und seltene Zutaten – mit ihnen teilt. trnd sprach mit Nicky und Oliver über ihren Blog.

Nicky Nicole Stich, 31 – Design/Projektmanagement, nach einem trockenem Jurastudium noch die Kurve gekriegt und sich dem Grafikdesign zugewendet. Kulinarische Ambitionen wurde Ihr in die Wiege gelegt und bilden, neben dem Design, das zweite Standbein von delicious:days.
Oliver Seidel, 34 – IT/Telco Presales Manager, nach langjährigem USA Aufenthalt wieder zurück in München, ohne aber den Bezug zu amerikanischen Startups zu verlieren. Steht hinter der Technik von delicious:days.


Erzählt uns doch mehr von Euch, Eurem Blog und wie ihr zusammenarbeitet. Wer macht was?

Oliver hatte vor unserem Kennenlernen zwar ein ausgeprägtes Interesse an guten Restaurants, seine damalige Küchenauststattung beschränkte sich allerdings auf einige wenige Tassen und Teller, nebst Besteck. Der Spaß am Kochen entwickelte sich aber bald aus gemeinsamen Koch-Events mit Freunden, die wir – damals noch in USA – regelmäßig abhielten. Heute haben wir eine ziemlich klare Abgrenzung der Cuisines, Olivers Schwerpunkt ist Asiatisch, alles andere decke ich ab.

Für Kochbücher hatte ich schon immer ein großes Faible – sowohl die uralten meiner Oma, wie auch gerade aktuell erschienene – da kann ich immer nur schwer widerstehen. Durch die Online-Suche nach neuen Büchern, bin ich schließlich auf Food Blogs aufmerksam geworden, die auf globalem Niveau genau das taten was man üblicherweise sonst eher im Freundeskreis praktiziert: das Austauschen von Kocherfahrung und Rezepten. Meine Aufmerksamkeit war geweckt und damit der Wunsch meine eigene Plattform zu entwickeln.

Mit Olivers technischem Verständnis und meinem kreativen Background war es dann eine logische Konsequenz, delicious:days nach eigenen Vorstellungen und Standards aufzusetzen, als visuell attraktiven und informativen FoodBlog.
delicious:days ist seit März online und es ist schon klasse zu sehen, wie sich der Blog weiterentwickelt hat – im Hinblick auf das Design, inhaltsbezogen und natürlich wie gut d:d angenommen wird.

Wer macht was? Jeder ein bisschen von allem. Kochen, Schreiben und Fotografie. Natürlich haben wir beide verschiedene Ansichten und Meinungen zu bestimmten Themen, sind uns aber unterm Strich doch schnell einig.

Dd

Warum schreibt ihr auf Englisch?
Die deutschsprachige (Food) Blogsphäre steckt noch in ihren Kinderschuhen – deutlich wird das besonders, wenn man sie mit dem Angebot an englischen FoodBlogs vergleicht. Da wir selbst schon Kontakt zu mehreren englischsprachigen Bloggern geknüpft hatten und unseren Beitrag mehr Lesern bereitstellen wollten, war für uns klar delicious:days in Englisch zu halten.

In einem Versuch die Food Blogsphäre etwas näher zusammen zu bringen – über jegliche Ländergrenzen hinweg – haben wir eine Meme mit dem Titel „The Cook Next Door“ ins Leben gerufen. Mittels einem kleinen Fragekatalog hatten wir interessierte Köche und Blogger gebeten, etwas mehr von sich zu erzählen. Das Feedback war überwältigend, mit soviel Enthusiasmus hatten wir nicht gerechnet: Mehr als 500 Blogger hatten ihre Antwort in ihrem Blog veröffentlicht, und die Fragen wurde in 5 weitere Sprachen übersetzt.

Ihr habt eine mehr als ansehnliche Leserschaft. Was macht Euren Blog so erfolgreich? Wie unterscheidet ihr Euch von den anderen? Wie wichtig ist das Design?
Der Blog bzw. wir sind nicht perfekt und das wollen wir auch gar nicht. Es gibt weder eine genaue Vorgabe was als nächstes zu tun ist, noch fühlen wir uns genötigt bestimme Themen aufzugreifen. Ich hoffe, dass wir diese Unbeschwertheit dem Leser auch vermitteln können.

Kochbücher zeigen ja nur perfekte Resultate (bei denen man nie weiß, in wie weit ein Food-Stylist seine Finger im Spiel hatte und die Eiscreme mitunter aus einer Wachsmischung besteht), delicisious:days dagegen ist ein persönlicher Blog, mit dem wir sowohl unsere Erfolge als auch unsere Misserfolge dokumentieren. Ich könnte mir vorstellen, dass es unsere eher relaxte und unprätentiöse Einstellung ist, die die Leser motiviert häufiger vorbeizuschauen. Durchschnittlich sehen wir im Moment täglich etwa 800-900 eindeutige Besucher online, zusätzlich nochmal etwa 300 Leser per RSS.

Das Design von d:d hat einen sehr hohen Stellenwert für mich. Im Gegensatz zu meinem Job, kann ich hier ohne jegliche Kundenintervention kreativ werden und meine eigenen Ideen ohne Einschränkungen umsetzen. So gesehen ist der Blog auch ein bisschen meine Spielwiese. Das positive Feedback vieler Leser freut mich deshalb umso mehr! Trotzdem muss natürlich auch der Inhalt stimmen, einen schön designten Blog schaue ich mir vielleicht ein, zweimal an, wenn mich die Posts an sich aber nicht interessieren bzw. nicht gut geschrieben sind, dann werde ich auch nicht wiederkommen. Die richtige Mischung aus gutem Design und anspruchvollem Content macht’s.


Ihr steht nicht auf Personenkult a la, sagen wir mal, Jamie Oliver. Warum?
Wird die Person wichtiger als das eigentliche Thema, nämlich Essen/Kochen, kann das sehr schnell nerven. Kleine Anekdoten am Rande sind OK, allerdings sollte dabei auch rüber kommen, dass man sich selbst nicht zu wichtig nimmt. Muss ich mich auf einem Blog erst durch 2 Seiten blabla kämpfen um zum Punkt zu kommen, verliere ich schon mal die Geduld und überspringe den größten Teil oder lasse es irgendwann komplett bleiben.

Könnt ihr uns das “making of” eines Artikels beschreiben? Wie bestimmt ihr, worüber ihr schreiben wollt?
Unsere Posts bestehen vorrangig aus einem Rezept/Essensthema, gepaart mit einer guten Portion Realismus, Ehrlichkeit, Witz und einer Prise Selbstironie.

Gerichte und Speisen z.B. aus der Kindheit assoziiere ich mit bestimmten Gedanken und Geschichten, auch das Shoppen für Zutaten kann zu witzigen Situationen führen. Was nun wirklich für einem Artikel taugt, muss dann individuell beurteilt werden. Verblüffenderweise ist es allerdings kaum nachzuvollziehen, warum manche Artikel besser angenommen werden als andere.

Da wir ständig neue Rezepte ausprobieren, geht uns eigentlich nie der Stoff für den nächsten Artikel aus. Daneben gibt es noch Themen die saisonabhängig sind, Basics, neuentdeckte Lebensmittel, Restaurant-Reviews, alles, was im weitesten Sinne mit Essen zu tun hat. Die eigentliche Vorgehensweise ist denkbar einfach: (1) Wahl des Gerichtes/Themas, (2) Kochen, (3) Festhalten der Ergebnisse (Bedarf manchmal größerer Disziplin als man meinen könnte) und (4) Schreiben.
Normalerweise wird delicious:days zweimal pro Woche aktualisiert.

Wie produziert ihr solche klasse Bilder? Tricks und Tipps?
Entgegen allen Spekulationen entstehen die Bilder tatsächlich am Küchentisch – die richtige Beleuchtung und Belichtung ist massgeblich, da wir auch hier ein bestimmtes Format beibehalten wollen. Wir arbeiten ohne weitere Hilfsmittel und fotografieren ausschliesslich mit Tageslicht, was uns natürlich etwas einschränkt. Unsere aktuell verwendete Kamera ist eine kompakte Digicam von Fuji.

Photoshop wird marginal als Nachbearbeitungswerkzeug eingesetzt, beispielsweise für Helligkeits- bzw- Kontrastanpassung, allerdings nicht für zusätzliche Unschärfe. Food-Fotografie arbeitet häufig mit extremer Unschärfe, die für unseren Geschmack oft zu übertrieben ist und einen fast schwindlig werden lässt – mal abgesehen davon, dass manches physikalisch gar nicht möglich ist und mittels Nachbearbeitung erzeugt wird.

Wie involviert ist eure Leserschaft? Könnt ihr dort (pardon) nach neuen Ideen fischen?
Der wichtigste Gedanke beruht auf zweiseitiger Kommunikation. Jedes Feedback, positiv wie auch negativ oder Empfehlungen nehmen wir gerne an.

Inspirationen und Einfluesse gibt es natürlich viele, dennoch sind wir bemüht unsere Artikel einzigartig zu halten. Ein absolutes No-no ist es allerdings andere Blogs zu kopieren – weder stylistisch noch inhaltlich! Falls sich tatsächlich einmal Inhalte überschneiden würden, weil ein befreundeter Blogger ein Thema aufgegriffen hat, das wir gerade in Arbeit hatten, so wird unser Beitrag schlicht und einfach einige Wochen vertagt. Greifen wir doch mal eine Idee von anderen auf, so wird derjenige natürlich ausdrücklich ge-credited und wir versuchen trotzdem, was eigenes in unserem Stil daraus zu machen.

Dein Lieblingsutensil?
Unsere Kitchen-Aid ist wirklich unersätzlich (jeder der langes Teig kneten toll findet, kann dies ja gerne tun, ich bin einfach zu faul dazu ;) Oliver würde hier sicherlich anders argumentieren, für ihn sind seine Messer unabdingbar.

Besteht in Deutschland, was Essenstrends angeht, nachholbedarf? Wo?
Eigentlich nicht, zumindest in München sind wir sowohl was Restaurants und Küchen-Utensilien-Fachgeschäfte angeht als auch das Lebensmittelangebot, wirklich gesegnet. Was mir persönlich in Deutschland fehlt, sind gute, stylische Food-Zeitschriften, da haben Australien, England und USA deutlich Interessanteres zu bieten ;)

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Meinungen der trnd-Partner

[...] 220;best food weblog” und “best designed weblog”. Hier geht’s zum Interview mit trnd. Glück auf, ihr beide [...]

[...] Interview mit Nicole Stich & Oliver Seidel im trndblog vom 19.10.2005: Nicole Stich und Oliver Seidel, delicious:days | Das Interview ist zwar bereits 4 Jahre alt, aber die Inhalte immer noch aktuell: zur Motivation, [...]

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